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Stadt in ungewissen Gewässern?

Rodgau: Bürgermeister Jürgen Hoffmann verabschiedet sich

Donnerstag, 17 Dezember 2020 21:15
Kevin Massoth, Erster Stadtrat Michael Schüßler und Rodgaus Bürgermeister Jürgen Hoffmann Kevin Massoth, Erster Stadtrat Michael Schüßler und Rodgaus Bürgermeister Jürgen Hoffmann Quelle: Kevin Massoth

Rodgau - Ziemlich genau 10 Jahre ist es her, da wählten die Bürger der Stadt Rodgau zum ersten Mal Jürgen Hoffmann (SPD) zu ihrem Bürgermeister. Der damals 49-jährige Diplom Finanzfachwirt hatte schon früh Karriere in seiner Heimatstadt gemacht. Mitarbeiter im Finanzamt des Kreis Offenbachs, Betriebsleiter der Stadtwerke Rodgau und schließlich Geschäftsführer der Kreis-Verkehrs-Gesellschaft in Offenbach. Von 1979 bis 2010 bereitete sich der damals noch junge Hoffmann auf seine spätere politische Karriere geduldig vor. Mit seinem Eintritt in die SPD 1984 besiegelte Hoffmann schließlich den Werdegang seiner Karriere. Für die Sozialdemokraten trat er fünf Jahre später als Stadtverordneter in Rodgau an. Im Stadtparlament hielt es Hoffmann jedoch nicht lange, schon nach 3 Jahren verließ er die Fraktion und verfolgte seine Karriere in den Stadtwerken Rodgaus. Nach wenigen Jahren kehrte Hoffmann jedoch in die Politik zurück, diesmal wollte er hoch hinaus. Nicht weniger als der Bürgermeister der größten Stadt im Kreis Offenbach, seinem Geburtsort und Startpunkt seiner Karriere, wollte der ambitionierte Sozialdemokrat 2010 werden.

Eine Stadt in Not

Der Sieg des SPD-Kandidaten 2010 war wohl nicht nur auf die Person Jürgen Hoffmann zurück zu führen, sondern auch begünstigt durch den Amtsvorgänger Alois Schwab und die CDU in Rodgau. Um die Person Schwab, der von 2004 bis 2010 das Amt des Bürgermeisters innehatte, ranken sich auch heute, gut 10 Jahre nach seinem letzten echten politischen wirken in der Stadt, einige, vor allem unschöne, Gerüchte. Die Zeit seiner Regierung war geprägt von Skandalen und fragwürdigen Entscheidungen, an der die Stadt jahrelang zu kauen hatte und an dem nicht zuletzt in Rodgau bekannten Dolchstoß der eigenen Partei oder dem Dolchstoß von Schwab gegen die CDU? So genau will heute darüber keiner mehr sprechen, erst recht die CDU in Rodgau nicht. 2008 sagte diese sich nämlich von ihrem Bürgermeister nach langen internen Streitigkeiten los und versagte ihm eine erneute Kandidatur als Bürgermeister. Doch das damalige Drama wäre unvollständig, hätte Schwab nicht in einem letzten Akt des Trotzes sich seine Niederlage nicht eingestanden. Kurzerhand verließen er und seine verbliebenen Anhänger die CDU in Rodgau und gründeten eine neue Partei. Die ZmB (Zusammen mit Bürgern) sollte Schwab eine weitere Brücke ins Rathaus schlagen. Ein Plan der nicht nur grandios scheiterte, sondern auch die CDU auf viele Jahre schädigte und eine neue Gruppierung ins Parlament beförderte. Hoffmann gewann 2010 die Wahl zum Bürgermeister, blamierte damit nicht nur Schwab und seine Anhänger, sondern auch gleich die CDU als stärkste Partei im Parlament. Schwab hinterließ seinem Nachfolger einen Scherbenhaufen dessen Ausmaße damals noch niemand erahnte.

Die erste Amtszeit bis 2016

Es verging kaum Zeit, da begann der frisch gewählte Bürgermeister Hoffmann bereits die Stadtverwaltung zusammen mit dem von der Regierungskoalition aus SPD, FDP, Grünen und Freien Wählern wiedergewählten Stadtrat Michael Schüßler (FDP) wieder auf Kurs zu bringen. Das ungleiche Duo aus einem Sozialdemokraten und einem Liberalen erwies sich als äußerst effizient und zielstrebig. In ersten Schritten führten sie die Verwaltung der einzelnen Ortsteile zu einer gemeinsamen Organisation zusammen, planten zwei neue Feuerwehrhäuser und schlossen einige der tiefen Gräben, die in Rodgau aufgerissen wurden. Zu den Errungenschaften dieser Zeit zählten vor allem auch die Freistellung von Kita-Gebühren, die Ansiedlung von Gewerbe, wie bspw. des VGP-Parks und die Verhinderung einer Einführung von Straßenbeiträgen, die für viele Bürger einen schmerzlichen Griff in den Geldbeutel bedeutet hätten. An der erfolgreichen Zusammenarbeit störte sich vor allem die CDU, welche nicht nur durch die ZmB einiges an Fachkundigem Personal und Wählerstimmen verloren hatte, sondern auch schlicht in der Rolle der Opposition anfangs heillos überfordert war. Es überraschte daher wohl niemanden, dass zur Wahl 2016 die CDU einen Gegenkandidaten für den Posten des Bürgermeisters aufstellte. Die Wahl des Kandidaten war jedoch für viele überraschend. Ein unbekannter, nicht einmal gebürtiger Rodgauer sollte den amtierenden Bürgermeister Hoffmann vom Thron stoßen. Der Wahlkampf 2016 war ein ungleicher Kampf, der trotz der finanziell hoch ambitionierte CDU kaum deutlicher hätte ausgehen können. Das Experiment der CDU mit einem unkonventionellen Kandidaten, scheiterte und Jürgen Hoffmann musste sein Büro nicht räumen. Fast drei Viertel der Wähler in Rodgau sprachen Hoffmann 2016 erneut ihr Vertrauen aus. In der darauffolgenden Parlamentswahl konnte zudem die Kooperation aus SPD, FDP, Grünen und Rodgauer Liste ihre Mehrheit verteidigen. Die ZmB, ein weiteres Mal zur Randnotiz der Parlamentarischer Arbeit degradiert, sah ihre Chance im Zusammenwirken mit CDU und AFD. Unter dem Schein einer offenen Mehrheit ließ es sich dieser Block der Oppositionsparteien nicht nehmen das erste Amt der Stadt mit einer CDU-Kandidatin zu besetzen. Die Zeichen standen auf Stillstand. Bürgermeister Jürgen Hoffmann sah mit einer stur ablehnenden Mehrheit gegen sich alle Pläne für die kommenden Jahre verschwimmen. Der städtische Haushalt und damit auch die rechtliche Grundlage für die Bezahlung der städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter drohte abgelehnt zu werden.

Schließlich führten interne Zerwürfnisse in der ZmB jedoch dazu, dass die Wählervereinigung einige ihrer engagiertesten Stadtverordnete an die FDP verlor. Eine Bestätigung auch für den kurz darauf wiedergewählten Stadtrat Michael Schüßler (FDP) seine Zusammenarbeit mit Bürgermeister Hoffmann fortzusetzen. Fast fünf Jahre später und ohne größere Skandale seitens der Stadtverwaltung um Jürgen Hoffmann steht Rodgau nun erneut vor unruhigen, ja ungewissen Zeiten.

Eine Ära endet

2020 erklärte Hoffmann dann zum Erstaunen seiner Kritiker sein nahendes Politisches Ende. Nach 12 Jahren im Amt des Bürgermeisters sei es für ihn an der Zeit Platz zu machen und selbst neue Herausforderungen zu finden. Mit 59 Jahren, zwei erwachsenen Söhnen aus erster Ehe und einer neuen Beziehung beginne für ihn nun auch ein neues Kapital und damit verbunden eine neue sinnstiftende Episode in seinem Leben. Den Gerüchten, er wolle den Wohnungsbau in Rodgau nur vorantreiben um später selbst als erster Oberbürgermeister von Rodgau in die Geschichte einzugehen wurde damit jede Grundlage entzogen. 12 Jahre, so Hoffmann, seien nicht nur eine sehr lange Zeit, als engagierter Bürgermeister seien sie auch kraftraubend und anstrengend gewesen. "Unter 100% Energie schafft man diesen Job nicht" erzählt er in einem Interview und macht damit auch deutlich, für ihn ist der Abschied von seiner Position als Bürgermeisters kein einfacher Abschied von einem Amt, sondern von einem Abschnitt seines Lebens. Am 9. Juni 2022 wird Hoffmann das Rathaus in Rodgau verlassen und anders als sein Vorgänger keinen Scherbenhaufen hinterlassen aber wohl viele unfertige Projekte und große Fußstapfen, die sein Nachfolger füllen muss, um nicht als weiterer Alois Schwab zu enden.
Die Arbeit von Jürgen Hoffmann und Michael Schüßler wird selbstverständlich auch von dem ein oder anderen kritisiert. Man vernimmt Kritik bezüglich des stattfindenden Wandels: Kritik zur Wohnungspolitik, der Ansiedlung von Gewerbe und der zunehmenden Urbanisierung der dörflichen Ortsteile. Doch bei all dieser Kritik bleibt die Frage nach den großen Skandalen unbeantwortet, wohl einfach weil sowohl Hoffmann als auch Stadtrat Michael Schüßler (FDP) schlicht keine Skandale wie ihre Vorgänger produziert haben. Es stellt sich auch die Frage, ob nicht die Versäumnisse der Jahre zuvor ein rasanteres Vorgehen in diesen Bereichen zwingend erforderlich gemacht haben. Jedenfalls genoss Rodgau die letzten 10 Jahre eine familienbewusste Politik der Kompromisse. Es war eine der ersten Städte in Hessen, die ihre Kindertagesstätte kostenlos machte, die viel umstrittene Straßenbeitragssatzung ablehnte und kontinuierlich an der wachsenden Wohnungsnot und der damit zwangsläufig verbundenen Preissteigerung arbeitete. Was nun vor der Verwaltung und den Bürgern der Stadt liegt, ist ungewiss. Ein erneuter Versuch der CDU oder vielleicht auch der Grünen auf das Amt des Bürgermeisters ist kaum auszuschließen. Auch die SPD hat sich bisher nicht zu weiteren Kandidaten aus den eigenen Reihen geäußert. Es wird spannend für Rodgau im nächsten Jahr, der Kampf um das Büro des Bürgermeisters nimmt gerade erst Fahrt auf.

Hinweis: https://hessendepesche.de/interview/bürgermeister-jürgen-hoffmann-spd-entwickelt-rodgau-nachhaltig-zur-lebenswerten-marke.html

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