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Interview mit dem integrationspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion

Ismail Tipi (CDU): „Wir müssen auch mit ausländerrechtlichen Maßnahmen gegen Salafismus vorgehen“

Donnerstag, 07 April 2016 19:36
Ismail Tipi, MdL/CDU Ismail Tipi, MdL/CDU Quelle: Ismail Tipi

Heusenstamm – Der integrationspolitische Sprecher der hessischen CDU-Landtagsfraktion, Ismail Tipi, zählt dieser Tage zu den gefragtesten Politikern im Land. Der türkischstämmige Muslim, der 1959 in Izmir geboren wurde, seit 1972 in Deutschland lebt und seit 1995 auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, gilt selbst als gutes Beispiel für eine gelungene Integration. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU Offenbach-Land, der seit 2006 auch der Stadtverordnetenversammlung seiner Heimatstadt Heusenstamm und seit 2007 dem Kreistag des Landkreises Offenbach angehört, steht für einen moderaten Islam und gilt als eingefleischter Gegner der Salafisten und anderer radikaler Islamisten, die ihn einzuschüchtern versucht und sogar schon mit dem Tode bedroht haben.

Ismail Tipi lässt sich dadurch nicht beirren und bleibt seiner Linie treu. Viele der politischen Standpunkte des überzeugten Demokraten sind konservativ geprägt, und auch Kritik an falscher Toleranz und Multikulti-Romantik sind dem Unionspolitiker mit türkischen Wurzeln nicht fremd. HESSEN DEPESCHE hat sich mit Ismail Tipi über die jüngsten Terroranschläge von Brüssel, den Missbrauch der Religion zur Legitimierung von Gewalt, das mörderische Treiben der Terrormilizen des „Islamischen Staates“ in Syrien und die salafistische Gefahr in Deutschland unterhalten. Daneben gab uns der CDU-Integrationspolitiker auch Auskunft zu innenpolitischen Fragen und zur Lage der CDU im Kreis Offenbach nach den Kommunalwahlen vom 6. März.

HESSEN DEPESCHE: Herr Tipi, nur wenige Monate nach den Anschlägen von Paris haben IS-Terroristen am 22. März zwei Selbstmordattentate in Brüssel verübt. Die Täter und ihre Hintermänner berufen sich bei ihren Taten auf den Koran. Sie sind selbst Muslim. Kann man Gewalt und Terror mit dem Islam legitimieren?

Ismail Tipi: Nein, Gewalt und Terror sind menschenverachtende Verbrechen, die mit nichts zu begründen oder zu legitimieren sind. Der Islam ist eine der großen abrahamitischen Buchreligionen und der Koran ist das heilige Buch der Muslime. Keine Religion kann Gewalt und Terror befürworten. Die radikalislamistischen Verbrecher und Terroristen können eine Religion nicht für ihre Schandtaten verantwortlich machen.

HESSEN DEPESCHE: Der in Ägypten geborene Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, Sohn eines sunnitischen Imams, sagt: „Es gibt im Koran 25 direkte Tötungsbefehle, die Allah an die Gläubigen ausspricht. Warum behauptet man, der ‚Islamische Staat‘ würde den Koran falsch interpretieren? Die Gotteskrieger interpretieren gar nichts. Sie setzen nur das um, was im Koran unmissverständlich steht.“ Was entgegnen Sie als friedliebender Muslim auf solche Ansichten?

Ismail Tipi: Alle Buchreligionen beinhalten im Großen und Ganzen die gleichen Werte. Wenn wir im Koran und in der Bibel nach Schlüsselwörtern gucken, kommen beispielsweise die Wörter „Angst, Terror, Horror, Schrecken“ im Koran 138-mal und in der Bibel 1.156-mal vor, „Angriff, Attackieren, Kampf, Stärke, Krieg, Invasion, Unterdrückung, Gewalt“ sind im Koran 85- und in der Bibel 3.445-mal zu lesen. Die Worte „Zerstörung, Mord, Töten, Massaker“ kommen im Koran 185-mal und in der Bibel 2.025-mal vor. Die Gesamtsumme der harten Worte beträgt im Koran 1.148 und in der Bibel 10.007. Wenn wir nach den Worten „Vergebung, Hoffnung, Barmherzigkeit, Belohnung“ schauen, finden wir sie im Koran 1.843- und in der Bibel 696-mal. Das sind Zahlen, die in manchen Fachlektüren ersichtlich sind. Das heißt, wenn wir von diesen Zahlen ausgehen, können wir nicht sagen, dass ein Buch „härter“ oder „brutaler“ als das andere ist. Keines der heiligen Bücher gibt den Menschen vor, Böses zu tun. Man muss natürlich auch feststellen, dass der Koran in einer Zeit geschrieben wurde, in der kein Frieden herrschte. Mohammed war, wie bekannt, selbst in Kriegshandlungen und stand vor der Flucht. Ich kann nicht sagen, dass der Koran ein Buch wäre oder ist, das friedensnobelpreisverdächtig ist, es ist aber auch nicht ein Buch des Bösen.

HESSEN DEPESCHE: Abdel-Samad sagt auch, dass der Islam von Anfang an einen „Geburtsfehler“ gehabt habe: er sei eine politische Religion. Darauf zielen auch andere Kritiker oft ab. Ist für Sie ein Islam innerhalb einer säkularen Ordnung, ohne politischen Anspruch und ohne Scharia vorstellbar?

Ismail Tipi: Ich bin kein Islamwissenschaftler. Dazu kann ich keine theologische oder wissenschaftliche Aussage machen. Aber in der Atatürk-Türkei konnte man Staat und Religion gut trennen. Der Koran kann ohne Scharia-Gesetze, wie zum Beispiel in einem demokratischen Staat wie der Türkei, gelebt werden.

HESSEN DEPESCHE: In welcher Form werden solche Attentate in der muslimischen Community diskutiert? Herrscht ausschließlich Abscheu vor – oder gibt es, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, vereinzelt auch Zustimmung?

Ismail Tipi: Ich kenne keinen Menschen, der diese Verbrechen unterstützt hat. In der muslimischen Community werden natürlich die radikal-fundamentalistischen Anschläge und der Terror diskutiert und verabscheut. Der allergrößte Teil der Muslime distanziert sich von Gewalt und Terror und hegt große Abscheu vor den Gräueltaten des IS wie die Hinrichtung unschuldiger Menschen oder Enthauptungen. Die allergrößte Zahl der Opfer der islamistischen Terroristen sind selbst Muslime. Das heißt, die Muslime leiden genauso wie die anderen Opfer unter dem Terror des IS. Leider ist es auch ersichtlich, dass die Gräueltaten der Terroristen von manchen Salafisten in Deutschland bejubelt werden. Deswegen müssen wir die Gefahr und die Bedrohung in Deutschland ernst nehmen und die Salafisten verbieten.

HESSEN DEPESCHE: Die großen Islamverbände in Belgien und auch in Deutschland haben den Terror von Brüssel verurteilt und sich von den Tätern distanziert. Reichen solche Bekundungen aus – oder müssten die islamischen Interessenvertretungen mehr tun, um sich aktiv an der Terrorprävention zu beteiligen?

Ismail Tipi: Das ist in der Tat so, dass in Deutschland ansässige Islamverbände und Moscheegemeinden die Terroranschläge verachten, verurteilen und sich davon distanziert haben. Man muss solche radikal-islamistische Tendenzen nicht nur mit Worten verteufeln, sondern auch mit Taten bekämpfen. Ich persönlich habe auch an manchen Demonstrationen der Islamverbände, beispielsweise die der DITIB, teilgenommen. Ich wünschte mir aber noch mehr Protestaktionen und Demonstrationen gegen den radikalislamistischen Terror. Die muslimischen Gemeinschaften, Interessenvertretungen oder die Dachverbände müssen sich noch mehr in der Präventionsarbeit engagieren. Diese müsste oder sollte von den örtlichen Behörden und von den Kirchen auch gefördert werden. Die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden, Schulen, der Kirchen und der islamischen Verbände muss noch besser funktionieren. Die Zusammenarbeit bei der Prävention muss noch intensiver und aktiver gestaltet werden. Nur durch gemeinsame Kräftebündelung ist es möglich, Terrorprävention und Aufklärungsarbeit zu gestalten. Hier stehen den Kirchen wie aber auch den islamischen Gemeinschaften noch große Aufgaben bevor.

HESSEN DEPESCHE: Sie setzen sich selbst mit Nachdruck gegen Salafisten ein und wurden wegen ihrer Warnungen vor dieser Szene sogar schon mit dem Tod bedroht. Was macht Gruppen wie die von Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie, der die Koranverteilungskampagne „Lies!“ organisiert, so gefährlich?

Ismail Tipi: Radikalislamismus, Fundamentalismus und Salafismus sind die größte Gefahr und Bedrohung für unseren Rechtsstaat, unsere Demokratie und den inneren Frieden. Hassprediger wie Pierre Vogel oder Ibrahim Abou-Nagie instrumentalisieren eine Weltreligion für ihre eigenen Interessen und Ziele. Diese Scharlatane versuchen, unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit ihre extremistische Gesinnung in Deutschland zu verbreiten. Sie vergiften unsere Jugend. Das „Lies!“-Projekt ist ein Einfallstor für Jugendliche. An diesen Ständen werden sie kontaktiert, rekrutiert, konvertiert und radikalisiert und später als Kanonenfutter nach Syrien geschickt. Pierre Vogel und Co. sind Rattenfänger für den terroristischen IS-Staat. Die Salafisten in Deutschland versuchen unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat, unsere Verfassung zu bekämpfen und alle unsere Freiheiten durch die Scharia zu ersetzen. Dass sie täglich ihre Ummah vergrößern und sich auch öffentlich für die Abschaffung der Demokratie und die Durchsetzung der Scharia einsetzen, macht diese Organisation sehr gefährlich. Salafisten sind für unsere Gesellschaft deswegen so gefährlich, weil die religiösen und gesellschaftlichen Werte täglich von uns wegdriften. Das macht die Salafisten umso bedrohlicher. Deswegen setze ich mich seit Jahrzehnten dafür ein, die Gesellschaft vor diesen Dschihadisten zu warnen und deshalb werde ich in der Tat sogar mit dem Tod bedroht.

HESSEN DEPESCHE: Welche Verbindungen gibt es zwischen den Salafisten in Deutschland und den Terrormilizen des „Islamischen Staates“ in Syrien und im Irak?

Ismail Tipi: Es gibt Beweise dafür, dass die Salafisten in Deutschland mit dem verbrecherischen „Islamischen Staat“ sympathisieren, aber auch direkte Kontakte pflegen. Viele Jugendliche, die in die salafistische Gesinnung geraten sind, nehmen den Weg nach Syrien auf sich. Beispielsweise gehen auch Jugendliche, die an den „Lies!“-Ständen ihren Dienst leisten, nach Syrien. Etwa 1.500 Jugendliche, davon etwa 20 Prozent weiblich, halten sich zurzeit in den sogenannten German-Camps in Syrien auf. Diese kommen zum größten Teil aus dem Lager der Salafisten in Deutschland. Viele bekannte salafistische Rapper sind selbst militante Terroristen. Diese rufen in vielen Videobotschaften die Jugendlichen in Deutschland dazu auf, sich in Syrien zu engagieren und als Gotteskrieger am Heiligen Krieg teilzunehmen. Anwerberinnen des Islamischen Staates versuchen in Deutschland täglich, um junge Frauen zu werben, damit diese Frauen die „Kampfkraft der Gotteskrieger“ in Syrien stärken.

HESSEN DEPESCHE: Sie haben kürzlich davor gewarnt, dass Salafisten mittlerweile daran arbeiten, die moderaten Moscheevereine in Deutschland zu unterwandern. Gibt es dafür auch Beispiele in Hessen?

Ismail Tipi: Diese Aufrufe wurden vom bekanntesten Hassprediger Pierre Vogel erst vor ein paar Wochen ausgesprochen. Er ruft seine Anhänger dazu auf, alle Moscheen in Deutschland einzunehmen und zu erobern. Er fordert sie auf, die Vorstände zu übernehmen und die Moscheegemeinden mit salafistischen Gedanken und salafistischer Gesinnung zu prägen. Für Beispiele ist es wahrscheinlich noch zu früh, aber die Gefahr ist sehr groß, dass Salafisten auch in den moderaten Moscheevereinen in Zukunft aktiv werden, womöglich auch die Vorstände bestimmen. Wenn es dazu kommt, stellt das eine große Gefahr für unseren Rechtsstaat und die innere Sicherheit dar. Moscheevereine, die von Salafisten geführt werden, sind die größten Hindernisse für unsere Integrationsarbeit. Diese werden auch in Zukunft einen Keil in dem Integrationsprozess sein. Das muss rechtzeitig verhindert werden.

HESSEN DEPESCHE: Wie sollte innerhalb des Rechtsstaates auf die salafistische Gefahr reagiert werden?

Ismail Tipi: Wir müssen als Gesellschaft gegenüber dieser drohenden Gefahr hellwach sein. Wir müssen die Bedrohung und die Gefahr verstehen und erkennen. Wir müssen endlich aufhören, unter dem Deckmantel von Religionsfreiheit, falsch verstandener Toleranz und Multikulti-Romantik die salafistische Gefahr zu verharmlosen und zu verdrängen. Unser Rechtsstaat muss seine Härte zeigen. Die Salafisten und der Radikalislamismus müssen mit den uns zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen sowie demokratischen Mitteln bekämpft werden. Deshalb fordere ich seit vielen Jahren ein Betätigungsverbot der Salafisten, ein Verbot der „Lies!“-Stände und setze mich für das Burka- und Niqab-Verbot ein. Salafisten, die in Syrien waren und nachweislich an Kampfhandlungen teilgenommen und dort Verbrechen verübt haben, müssen in Deutschland verurteilt und bestraft werden. Wir müssen auch mit ausländerrechtlichen Maßnahmen gegen Salafismus vorgehen. Salafistische Gewalttäter und Mitglieder des IS-Staates müssen ihren Aufenthalt in Deutschland verlieren. Der Aufenthaltsstatus solcher Salafisten muss aufgehoben und sie sollten auch schnellstmöglich abgeschoben werden. Die eingebürgerten Salafisten sollten nach Verurteilung in Deutschland ausgebürgert, für urdeutsche Salafisten sollten härtere Strafen vorgesehen werden.

HESSEN DEPESCHE: Als integrationspolitischer Sprecher der hessischen CDU-Landtagsfraktion haben Sie mehr Einblick in die Lebenswelten von Migranten als viele Ihrer Kollegen. Wie steht es aus Ihrer Erfahrung um die Integration in Deutschland – und wo ist bei Defiziten die Verantwortlichkeit primär zu suchen: bei einer mangelnden Integrationsbereitschaft der Zuwanderer oder bei einer mangelnden Aufnahmebereitschaft der deutschen Gesellschaft?

Ismail Tipi: In Deutschland haben wir eine der am höchsten entwickelten Willkommenskulturen. Deshalb leben hier etwa 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Der größte Teil der Migranten in Deutschland ist in der Regel gut integriert. Das heißt nicht, dass wir keine Baustellen und Parallelgesellschaften haben. Deswegen muss die Integrationsarbeit in Deutschland neu definiert werden. Wir können die Gastarbeiter- und Ausländerpolitik, die wir in den letzten fünf Jahrzehnten hatten, heute nicht mehr praktizieren. Integrationspolitik wird uns in Zukunft noch mehrere Jahre beschäftigen. Deswegen müssen unsere knappen Ressourcen effektiver eingesetzt werden. Unsere Integrations- und Einwanderungspolitik muss kontrolliert und bedarfsorientiert durchgeführt werden.

Es muss eine Kultur des Forderns und Förderns im Vordergrund stehen. Die Sprache ist das wichtigste Instrument für eine gelungene Integration. Sie ist aber nicht der einzige Schlüssel. Neben Sprache brauchen wir weitere Schlüssel, wie Bereitschaft zur Arbeit und Bereitschaft zur Teilhabe in der Gesellschaft. Wir müssen die Familienzusammenführung neu regeln. Menschen, welche im Rahmen der Familienzusammenführung nach Deutschland kommen wollen, sollen die deutsche Sprache in ihren Herkunftsländern erlernen. Nur wer die deutsche Sprache spricht, kann in Zukunft in Deutschland Erfolg haben. Auch die Migranten müssen verstehen, dass wir nur eine Gesellschaft mit einer gemeinsamen Zukunft sind. Integration darf keine Einbahnstraße sein. Die Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft ist hier sehr groß, die Dankbarkeit muss aber die Gesellschaft beherrschen.

HESSEN DEPESCHE: Muss man vor dem Hintergrund der Terroranschläge von Brüssel auch die Asyl- und Flüchtlingspolitik in Deutschland überdenken? Es gibt ja einige Stimmen, die davor warnen, dass mit dem Zuzug von Migranten in den letzten Monaten auch potenzielle Terroristen ins Land eingesickert sein könnten, womöglich gar im Auftrag des IS.

Ismail Tipi: Die Asyl-, Flüchtlings- und Einwanderungspolitik muss in Deutschland neu überdacht werden, nicht nur vor dem Hintergrund der Terroranschläge. In Zukunft haben wir drei große Herausforderungen: a) wir werden älter, b) wir werden weniger, c) wir werden bunter. Allein aus diesen demographischen Gründen müssen wir unsere Einwanderungspolitik bedarfsorientiert regeln. Die letzten Jahrzehnte haben uns gezeigt, dass Multikulti uns nicht geholfen hat. Demographen sagen uns, dass wir für eine funktionierende Gesellschaft Zuwanderung brauchen. Das ist in der Tat so. Diese müssen wir aber durchdacht kontrollieren. Nur weil wir älter und weniger werden, dürfen wir nicht alle Türen und Tore öffnen. Ich sage immer, wenn man zu allen Seiten offen ist, dann ist man nicht ganz dicht. Das gilt auch für die Zuwanderungspolitik.

Es ist möglich, dass unter den Flüchtlingen auch potenzielle Terroristen und Extremisten sind und dass sie womöglich im Auftrag des IS unterwegs waren. Die größte Gefahr liegt aber ganz woanders: Etwa 1.500 Jugendliche aus Deutschland sind in Syrien in den sogenannten German-Camps. Diese Jugendlichen haben ihre Personalausweise und Reisepässe sowie andere persönliche Dokumente an den IS abgegeben. Das bedeutet, dass sich mindestens 1.500 Personalausweise und Reisepässe, also Bundeseigentum, in den Händen der gefährlichsten Terrororganisation der Welt befinden. Der IS hat somit für seine ausgebildeten Terroristen und militanten Extremisten genug Ausweise für eine weltweite Mobilität. In Syrien halten sich etwa siebzehn- bis zwanzigtausend europäische Jugendliche auf, welche auch ihre Reisedokumente der IS abgegeben haben. Der Terrorstaat ist damit gut ausgerüstet, um mit diesen Ausweisen weltweit mobil zu sein. Deshalb droht der IS-Terror überall in Europa. Deswegen müssen wir auch bei uns in Deutschland sehr vorsichtig sein und die radikalislamistische Gefahr auch aus diesen Gründen nicht verharmlosen.

HESSEN DEPESCHE: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang das Abkommen mit der Türkei zur Flüchtlingspolitik?

Ismail Tipi: Von diesem Abkommen mit der Türkei halte ich persönlich nicht sehr viel, weil die Türkei selbst auch Probleme mit Millionen von Flüchtlingen hat. Mehr als drei Millionen Syrer und weitere Flüchtlinge in der Türkei sind inzwischen auch für die türkische Gesellschaft eine große Herausforderung. Die Türkei ist nicht unbedingt das Hauptziel der Flüchtlinge. Sie dient nur als Brücke nach Europa. Deswegen denke ich, dass das Abkommen den Flüchtlingsstrom nicht aufhalten wird. Auch die Absperrung der Balkanroute wird die Flüchtlinge nicht aufhalten. Sie werden immer wieder neue Wege finden, um zu uns nach Deutschland oder nach Europa zu kommen.

HESSEN DEPESCHE: Blicken wir abschließend auf die hessischen Kommunalwahlen vom 6. März zurück. Die CDU im Landkreis Offenbach hat bei der Kreistagswahl im Vergleich zu 2011 spürbare Verluste hinnehmen müssen und ist ziemlich nah bei der 30-Prozent-Marke gelandet. Welche Konsequenzen muss die Kreis-Union daraus Ihrer Ansicht nach ziehen?

Ismail Tipi: Es ist richtig, dass die CDU im Landkreis Offenbach bei den Kreistagswahlen Verluste hinnehmen musste. Das ist aber nicht unbedingt hausgemacht. Die allgemeine Flüchtlingswelle und Flüchtlingspolitik waren nach meiner Meinung die Hauptgründe für das Ergebnis vom 6. März. Das Wahlverhalten der Bürger hat nicht die Kommunalpolitik, sondern die Bundespolitik verändert. Viele waren mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden und haben fälschlicherweise die Kommunalpolitik bestraft. Der einzige Fehler könnte sein, dass wir unsere Wählerinnen und Wähler nicht richtig mobilisiert haben. Wenn wir im Kreis Offenbach die CDU-Arbeit richtig analysieren, dann hätte das Ergebnis ganz anders sein müssen. Ich finde, die CDU hat hier hervorragende Arbeit geleistet. Der Kreis Offenbach gilt deutschlandweit als einer der erfolgreichsten Landkreise mit der besten Sozialarbeit und Schulpolitik.

HESSEN DEPESCHE: Man sollte nicht vergessen, dass die CDU zuvor auch schmerzhafte Niederlagen bei den Bürgermeisterwahlen in Heusenstamm, Rodgau oder Seligenstadt hinnehmen musste. Da stellt sich ja vielleicht auch die Frage nach personellen Konsequenzen. Oder anders gefragt: Ist Landtagsvizepräsident Frank Lortz noch der richtige Mann an der Spitze der CDU in Offenbach-Land?

Ismail Tipi: Es ist auch richtig, dass wir bei den Bürgermeisterwahlen Niederlagen hinnehmen mussten. Bürgermeisterwahlen sind Persönlichkeitswahlen. Kommunalpolitik ist die Wiege der Demokratie. In der Demokratie kann man auch verlieren. Deswegen müssen wir uns jetzt für die kommenden Wahlen besser organisieren und junge Köpfe für neue Verantwortung vorbereiten. Aus den Fehlern der letzten Jahre müssen die örtlichen Stadtverbände Konsequenzen ziehen und die Jugendarbeit fördern. Wir müssen in Zukunft der Jugend noch mehr Chancen geben, sich politisch zu engagieren. Diesen Generationswechsel hat die CDU im Landkreis sehr gut ermöglicht. Wir haben sehr viele Jugendliche in den Kreistag gebracht. Gerade diese jungen Kommunalpolitiker werden in Zukunft die Politik im Landkreis Offenbach mitgestalten. Der Verjüngungsprozess ist ein Verdienst unseres Kreisvorsitzenden Frank Lortz. Die CDU im Landkreis hatte meiner Meinung nach selten einen so guten und erfahrenen Kreisvorsitzenden wie mit Frank Lortz. Er ist der richtige Mann in Zeiten wie diesen. Er ist unser Spitzenmann, der die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt hat. Durch ihn haben wir unsere Mitgliederzahl auf dem höchsten Niveau halten können, auch mit Gewinnung von sehr vielen jungen Mitgliedern. Frank Lortz ist mit seiner Erfahrung, durch seine starke Persönlichkeit und sein Durchsetzungsvermögen der richtige Mann an der Spitze der CDU in Offenbach-Land.

HESSEN DEPESCHE: Man hört mitunter, dass Sie selbst Ambitionen hätten, die Führung des Offenbacher CDU-Kreisverbandes zu übernehmen. Was ist dran an diesen Gerüchten? Und wie hätte man sich das dann vorzustellen: Einvernehmlich oder mit einer Kampfkandidatur von Ismail Tipi gegen Frank Lortz?

Ismail Tipi: Dieses Gerücht ist bis jetzt noch nicht zu mir durchgedrungen. Das ist das erste, was ich höre. Ich hatte noch nie diese Ambitionen gehabt, an die Führung des Offenbacher CDU-Kreisverbands zu gehen. Ich wurde auf dem letzten Kreisparteitag zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden gewählt. Unser Kreisvorsitzender Frank Lortz ist mit einem hervorragenden Ergebnis in seinem Amt als Kreisvorsitzender bestätigt worden. Frank Lortz ist die Spitze unserer Mannschaft. Er genießt unser Vertrauen, unseren Respekt und unsere Hochachtung. Frank Lortz ist nicht nur mein Vorsitzender, sondern auch mein politischer Lehrmeister. Von ihm habe ich und werden alle anderen jungen Mitglieder noch viel lernen. Diese Gerüchte, die Sie ansprechen, sind haltlos und waren noch nie ein Thema in der Partei.

HESSEN DEPESCHE: Herr Tipi, wir danken Ihnen recht herzlich für das Gespräch.

Ismail Tipi wurde am 3. Januar 1959 in Izmir (Türkei) geboren. Seit 1972 lebt er in Deutschland, 1995 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach Fachabitur, Fachhochschulreife, Maschinenbaustudium und einem journalistischen Volontariat arbeitete Tipi als Journalist für türkische und deutsche Medien, so von 1981 bis 1999 als Redakteur, Chefreporter und stellv. Redaktionsleiter der türkischen Zeitung „Hürriyet“, von 2000 bis 2006 Redaktionsleiter und Europakorrespondent für „Star“ und „Star TV“ sowie ab 2006 als freier Journalist und Redakteur für verschiedene Agenturen, Fernseh-Sender und Zeitungen, u. a. für die „Offenbach Post“.

Mitglied der CDU ist Tipi seit 1999. Im Kreisverband der CDU Offenbach-Land bekleidet er den Posten des stellvertretenden Parteivorsitzenden. Außerdem ist er Vorstandsmitglied der Senioren-Union Hessen und leitet als Chefredakteur deren Zeitschrift „Senioren-Kurier“. Seit 2006 ist Tipi Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Heusenstamm und amtiert dort als stellvertretender Fraktionsvorsitzender, seit 2007 gehört er auch dem Offenbacher Kreistag, seit 2010 ist er Mitglied des Hessischen Landtages. Bei der dortigen CDU-Fraktion hat er das Amt des integrationspolitischen Sprechers inne und vertritt seine Fraktion unter anderem im sozial- und integrationspolitischen Ausschuss, im Europaausschuss, und im Ältestenrat.

Außerdem gehört Tipi dem Kuratorium der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung sowie der Enquetekommission „Kein Kind zurücklassen – Rahmenbedingungen, Chancen und Zukunft schulischer Bildung in Hessen“ an und ist Vorsitzender des Landesfachausschusses Integration. Außerdem ist er Mitglied in vielen Vereinen und Verbänden, etwa im Freundeskreis Hessen-Taiwan e.V. oder beim TSV Heusenstamm. Im Internet ist Ismail Tipi mit der Seite www.ismail-tipi.de und seiner Facebook-Seite www.facebook.com/ismail.tipi.3 vertreten.

Letzte Änderung am Freitag, 08 April 2016 04:08
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