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Publiziert in Interview

Interview mit dem Griesheimer Experten zum Konzept der „Bespielbaren Stadt“

Prof. Bernhard Meyer: „Verhäuslichte Kinder sind ein Symptom für eine Schieflage, die ortsgemacht ist“

Mittwoch, 24 Mai 2017 14:25
Der Griesheimer Pädagoge Prof. Bernhard Meyer, Experte auf dem Gebiet der „Bespielbaren Stadt“ Der Griesheimer Pädagoge Prof. Bernhard Meyer, Experte auf dem Gebiet der „Bespielbaren Stadt“ Quelle: Prof. Bernhard Meyer

Griesheim – Der Pädagoge Bernhard Meyer ist emeritierter Professor der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt und zählt zu den führenden Experten, die das Konzept der „Bespielbaren Stadt“ entwickelt haben. Mit diesem Konzept soll Kindern eine eigenständige Mobilität im Stadtraum ermöglicht werden, wozu – unter umfassender Beteiligung der Kinder – für sie wichtige Orte (z.B. Schulen und Spielplätze) durch ein Netz sicherer Wege verbunden werden. In Meyers Heimatstadt Griesheim im Landkreis Darmstadt-Dieburg wurde das Konzept modellhaft verwirklicht und bereits mehrfach ausgezeichnet. Anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Vereins Kinderhaus Hainstadt referierte Prof. Meyer Anfang Mai in Hainburg zu diesem Thema (https://www.hessen-depesche.de/regional/40-jahre-kinderhaus-hainstadt-feierstunde-und-fachvortrag-in-der-villa-gutenberg.html). HESSEN DEPESCHE hat hier noch einmal nachgehakt.

HESSEN DEPESCHE: Herr Professor Meyer, Sie haben das Konzept der „Bespielbaren Stadt“ maßgeblich mitentwickelt. Steckt dahinter eine bestimmte Philosophie?

Prof. Bernhard Meyer: Zum einen geht es um die Wahrnehmung, dass sich der öffentliche Raum langsam, aber sicher verändert hat. Aus Kinderorten wurden Inseln, deren Erreichbarkeit oft durch einen Fährverkehr mit Elterntaxis gesichert wird. Zum anderen geht es um einen Perspektivenwechsel, in dem Erwachsene lernbereit sind, und ihr eigenes Wissen um das Perspektivwissen der Kinder ergänzen.

HESSEN DEPESCHE: Was zeichnet eine „Bespielbare Stadt“ gegenüber der herkömmlichen Städtebauplanung aus – und wodurch wird dieses Konzept hauptsächlich gekennzeichnet?

Prof. Bernhard Meyer: In der bespielbaren Stadt werden relevante Kinderorte, wie zum Beispiel Kindergarten, Schule, Spielplatz, Sportorte, als Teil eines Wegenetzes gesehen. Entlang dieser Wege hat sich der öffentliche Raum so verändert, dass typologisch rechts die Häuserwand, links die Autowand und unten das Verbundsteinpflaster keine Anreize bieten, die den Weg attraktiv machen. Mit Hilfe der Nutzer, also der Kinder, werden diese Wege sichtbar gemacht und mit Wegbegleitern ausgestattet. Es geht also nicht um Spielgeräte, sondern um Objekte im Straßenraum, die von den Kindern erst definiert werden. Es gibt kein richtig oder falsch. Sie sind das, was Kinder aus ihnen machen.

HESSEN DEPESCHE: In Ihrer Heimatstadt Griesheim wurde das Konzept weitgehend verwirklicht. Hatten Sie dort mit Widerständen seitens der Politik zu kämpfen?

Prof. Bernhard Meyer: Aus langjährigen Erfahrungen weiß ich, dass der Bürgermeister eine zentrale Figur ist. Eine Verwaltung spürt, wenn der Chef nicht will. Da kann das Parlament es durchaus anders sehen. Natürlich hatte niemand auf die bespielbare Stadt gewartet, natürlich gab es kritische Anmerkungen, dass es so was früher nicht gegeben habe. Aber der Bürgermeister hat damals die wichtigen Signale gegeben, und als dann die ersten Auszeichnungen und Preise nach Griesheim kamen, waren alle schon immer dafür gewesen.

HESSEN DEPESCHE: Können Sie vielleicht ein, markante Beispiele nennen, die Griesheim zu einer „Bespielbaren Stadt“ machen?

Prof. Bernhard Meyer: Der Sonntagsspaziergang mit den Eltern gehört bei vielen nicht zu den beglückenden Erinnerungen. Heute steuern Kinder den Weg danach, wo sie um solche Objekte wissen, die den monotonen Ablauf unterbrechen und attraktiv machen. Das kann zum Beispiel ein Balancierbalken sein, ein „Surfbrett“ und vieles mehr sein. Und es wurden auch schon Omas oder Opas gesehen, die sich herausgefordert sahen.

HESSEN DEPESCHE: Kommen wir mal zu den nackten Zahlen: Welches Investitionsvolumen war notwendig, um das Konzept in Griesheim zu realisieren?

Prof. Bernhard Meyer: Nachdem die Kinderwege herausgefunden waren, begann die Suche, wo denn überhaupt Platz war, um etwas zu verändern. Am Ende waren es 100 Möglichkeiten. Für Objekte, sowohl Naturmaterialien, Bodenfelder als auch Industrieprodukte, mussten einschließlich der Einbaukosten durch den Bauhof 107.000 Euro aufgebracht werden. Das sind die Kosten für einen neuen mittelgroßen Spielplatz. Durch Sponsoren und Preisgelder aus Wettbewerben verringerte sich der Betrag auf 15.000 Euro, die aus dem Stadtsäckel entnommen wurden.

 

HESSEN DEPESCHE: Sie haben kürzlich bei einer Feierstunde zum 40-jährigen Bestehen des Vereins Kinderhaus Hainstadt in Hainburg mit einem Vortrag für das Modell der „Bespielbaren Stadt“ geworben. Wie groß ist das Interesse der dortigen politischen Verantwortungsträger für das Konzept Ihrer Einschätzung nach?

Prof. Bernhard Meyer: In Gemeinden wie Hainburg sowie in anderen Städten war das Interesse groß, weil die Umsetzung zwar kleinteilig, aber nachvollziehbar ist. Jedoch muss ich immer wieder betonen, dass die bespielbare Stadt ein umfassendes Konzept ist. Es macht keinen Sinn, erstmal in der Fußgängerzone anzufangen, oder ein paar Objekte auf einem Platz aufzustellen. Am Anfang steht immer die Zusammenarbeit mit den Kindern. Wenn das Wegenetz bekannt ist, dann entwickelt sich daraus der Plan mit den Standorten. Die Realisierung sollte möglichst zeitgleich erfolgen.

HESSEN DEPESCHE: Bei der Veranstaltung war auch Gemeindevertretervorsteher Oliver Möser (CDU) dabei, der einen direkten Draht ins Rathaus hat. Konnten Sie ihn vom Konzept der „Bespielbaren Stadt“ überzeugen?

Prof. Bernhard Meyer: Seine öffentlichen Äußerungen stützen diesen Eindruck. Ich habe auch meine Bereitschaft bekundet, erneut nach Hainburg zu kommen, wenn es „ernst“ werden sollte.

HESSEN DEPESCHE: Wie hoch wäre Ihrer Ansicht nach der Investitionsbedarf, um aus Hainburg eine „Bespielbare Stadt“ zu machen, und welche Maßnahmen schlagen Sie hier vor?

Prof. Bernhard Meyer: Erst nach der Kartierung der Wege und der Prüfung des öffentlichen Raumes hinsichtlich vorhandenen Platzangebotes kann das Volumen bestimmt werden. Da Hainburg sich ja aus drei Ortsteilen zusammensetzt und wenn man die Einzugsbereiche der Grundschulen berücksichtigt, lässt sich daraus ein Plan für eine prozesshafte Verwirklichung entwickeln.

HESSEN DEPESCHE: Abschließend eine Frage zu Ihrem Buch „Die bespielbare Stadt“, das als eines der wichtigsten Grundlagenwerke zu diesem Thema gilt. Sie sprechen darin von einer „Rückeroberung des öffentlichen Raumes“. Das klingt sehr kämpferisch. Wem wurde der öffentliche Raum weggenommen – und für wen muss er zurückerobert werden?

Prof. Bernhard Meyer: Niemand hatte die Absicht, Spielraum wegzunehmen. Ältere Menschen erinnern sich an ganz andere Aktivitäten im öffentlichen Raum als das heutige Eltern bei ihren Kindern beobachten oder auch zulassen. Betroffene wissen immer genau, was sie brauchen. So dominiert bei Planungsentscheidungen der berufstätige, autofahrende Erwachsene. Dass sich aber daraus Folgen für Kinder – allgemein könnte man sagen, für den langsamen Fußgänger – ergeben, wird oft nicht mitbedacht. Und so sind Parkplätze für Fahrzeuge entstanden und Parkplätze für Menschen verschwunden. Dies lässt sich aber durch das Konzept der bespielbaren Stadt ergänzend korrigieren. Verhäuslichte und nicht balancierte Kinder sowie Elterntaxis sind ein Symptom für eine Schieflage, die ortsgemacht ist. Aber es besteht Aussicht auf Verbesserung.

HESSEN DEPESCHE: Herr Professor Meyer, wir danken Ihnen für das Gespräch.


 

Zur Person: Prof. Bernhard Meyer (71) arbeitete seit 1978 an der Evangelischen Fachhochschule in Darmstadt im Fachbereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik. Er ist Sozialarbeiter und Diplom-Pädagoge und lehrte Sozialplanung, Gemeinwesenarbeit, Pädagogik nichtprivilegierter Gruppen sowie Neue Technologien. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit Spielräumen für Kinder und Jugendliche und engagiert sich besonders für deren Beteiligung an einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Außerdem arbeitet er zu sozialwissenschaftlichen Aspekten der Nutzung privater und öffentlicher Räume. Meyer führte Projekte in über 80 Stadtteilen und Gemeinden in Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz durch. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema reflektieren die Praxis-Erfahrungen.

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